STOFF – Myriam Khouri & Leonie Schwitalla

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© Leonie Schwitalla

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Von den Kerzen, die auf kleinen an der Wand angebrachten Ablagebrettchen standen, ging ein Leuchten aus, das sich auf den Gesichtern der Gruppe ausbreitete. Ein Mann badete seine Fingerspitzen in dem flüssigen Wachs. Ich hätte mich gerne in diese Gruppe eingeschlichen, um ebenfalls das heiße Wachs auf meinen Fingerkuppen trocknen zu lassen und Teil der eingeschworenen Gemeinschaft zu sein, deren Gespräch leise um die Köpfe schwirrte, Worte, die nur die Eingeweihten verstanden. Doch ich kannte sie nicht, erkannte niemanden. Ich trank weiter aus meinem Glas, das beinahe leer war. Ich sah Henriette hinter der halb geöffneten Tür zu dem großen Zimmer, sah das Profil der hohen Frau hinter dem weißlackierten Holz des Türflügels auftauchen und verschwinden. Sie lachte bog sich dabei nach vorne, schnellte zurück und verschwand aus meinem Blickfeld. Schließlich blieb ihr Kopf halb abgeschnitten von dem Türflügel auf Henriettes Gesichtshöhe stehen. Ich sah gespannt zu ihnen hin, sah wie Henriette ihre Hand hob und der hohen Frau mit den Fingerspitzen über den Unterkieferknochen strich. Eine flüchtige etwas verschämte Geste, dann trennten sie sich, gingen jeder in eine andere Richtung. Ich löste mich von der Wand und folgte der mir Unbekannten.

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© Myriam Khouri

 

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Agnes glaubte sich allein in der Küche, während sie ihr Glas unter dem Wasserhahn füllte. Als sie sich umdrehte, das Glas schon an die Lippen hob, um zu trinken, stand eine große Frau im Türrahmen. Die nach hinten geklappte Kapuze umgab ihren langen Hals wie ein Schutzwall. Agnes Blick fuhr an dem ihr unbekannten und sie mit einer seltsamen Verlegenheit erfüllenden Gesicht vorbei und blieb hängen an bleichen Haarspitzen, die sorgfältig um die Ohrmuscheln herum geschnitzt waren. Die Frau blieb unbewegt stehen, als überlegte sie, ob sie die Küche betreten dürfe, wenn Agnes darin war. Sie schüttelte die Bedenken, von denen Agnes nur vermutete, dass sie ihr durch den Kopf gegangen waren, ab, ging zum Wasserhahn, spülte ihr Glas aus und füllte es ebenfalls mit Wasser. Die Bewegungen, zielgerichtet, von einer Eleganz begleitet, die ganz selbstverständlich aus ihren langen Armen floss. Agnes lehnte sich an die Anrichte und senkte den Blick, sah die schwarzen Turnschuhe mit den schaumigen Sohlen, die hohen Beine, umspannt von festem Stoff. Als sie sich überwand in das Gesicht der Frau zu sehen, traf sie ein entblätternder Blick. Agnes, von einem schamhaften Gefühl durchzuckt, schaute unsicher zurück in diese fremden Augen über dem dünnen Hals, die zaghaft eckigen Nasenflügel. Die Luft füllte sich mit Sätzen, die gesagt werden könnten, doch keine von beiden hob die Stimme. Die hohe Frau, wie Agnes sie in ihren Gedanken nannte, hielt ihr Glas an die Lippen, rollte es darauf hin und her, sah Agnes weiter an. Als sie trank, glaubte Agnes das Wasser zu sehen, wie es in ihren Hals floss. Sie dachte an den langen dunklen Gegenstand und die Worte des Architekten, beides flog vorbei, sie öffnete den Mund, sah weiter schweigend zu, wie die Frau das Glas leerte, spürte eine Trockenheit und in der Stille einen Wunsch, den sie nicht benennen durfte, aber auch nicht niederringen konnte- pochend stand sie, immer noch in ihr Schauen versunken, als die Andere das leere Glas neben der Spüle abstellte, mit einer entschlossenen Bewegung und, ohne Agnes noch einmal anzusehen, die Küche verließ. Das leer getrunkene Glas hob sich von den anderen Dingen in der Küche ab, es strahlte vor Agnes` Augen, von einem Rautenmuster durchflossen und zersprang auf den Keramikfließen. Agnes wich erschrocken zurück, jemand kam herein, suchte nach einer Kehrschaufel, fegte die Scherben zusammen. Ungeschickt versuchte sie, dem jungen Mann zu helfen, der die Scherben beseitigte, entschuldigte sich mit zitternder Stimme. Er sagte, das passiert, hatte schnell alles aufgewischt und verließ die Küche, Agnes ging wenige Schritte hinter ihm her, nur um den eng gewordenen Raum zu verlassen.

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© Myriam Khouri

 

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Mit dieser Eröffnung gibt A307 ein weiteres mal die Auswahl der ausstellenden Künstlerin ab. Die im Mai 2016 gezeigte Künstlerin – Elisabeth Greinecker– hat Myriam Khouri ausgewählt.

Katharina Aigner feat. Anna Barfuss, Nadine Fraczkowski, Josefin Granqvist

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I´d like to film there, in my own style of documentary bordering on fiction.
I´d like to shoot everything. Everything that moves me. Faces, streets, cars going by and buses, train stations and plains, rivers and oceans, streams and books, trees and forests, fields and factories and yet more faces.
(from: Chantal Akerman, too far too close, Catalogue, Ludion 2012, p.21)

 

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We digged in our archives. You´ll see short clips, fragments, excerpts, sequences from our daily lives, filmed with our phones during travels, in passing; 
originally not meant to become proper video works these flickering, pixelated, sometimes shaky images, in and out of focus, high sized, show places, strangers, 
intimates, dogs, Laura Mulvey, my sister, mountains, valleys and more. An attempt to expand the projection screen, to look behind and to experience powerful outlooks.
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Katharina Aigner, based in Vienna, is mainly concerned with moving image.
Besides her own artistic practice she´s regularly initiating and curating video and film programs.
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Anna Barfuss works predominantly with video and text. She is currently writing her dissertation in cultural studies, which deals with hyperfeminine performances in
video and sound. On occasion, she also curates exhibitions that present moving images and sound-based works in various spaces and formats.
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Nadine Fraczkowski is a photographer living and working between Paris and Berlin.
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Josefin Granqvist is a looker and a romantisizist, carrying with her an ever extensive archive of partly populated fragments and physical factoids.
She was born in Southern Sweden and her back is sore. (no known home)

 

 

Mit dieser Eröffnung gibt A307 ein weiteres mal die Auswahl der ausstellenden Künstlerin ab. Die im Juli 2017 gezeigte Künstlerin – Lisa Kortschak – hat Katharina Aigner ausgewählt.

LE BORD DE LA MER – Nicole Szolga

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Eine szenische Crossover-Lese- und Videoperformance mit anschließender Film-Präsentation: Der französische Schriftsteller Julien Torma soll, so will es die literarische Legende, in den Tiroler Bergen verschwunden sein. Doch schon die Existenz dieses mysteriösen Pataphysikers, also dem Vertreter einer Philosophie der Verkehrungen und fröhlichen Verwirrung, ist ungesichert. Mit Übersetzungen und medialen Umschriften wird dem Unbekannten nachgespürt und seiner Geschichte eine aktuelle Facette hinzugefügt: Unter dem Titel Vent, schreibt Torma, sind poetische Annäherungen, animierte Gedichte und zahlreiche Filmaufnahmen entstanden, die nun als Filmversion zu sehen sind.  „Le bord de la mer“  ist eine filmische, pataphysische  Neuinterpretation des Stoffes, ein visuelles Spiel mit imaginären Lösungen, Sprache und Perspektiven.

Filminfo: „LE BORD DE LA MER“, 2016, HD, 23. Min. Stereo.

Mit dieser Eröffnung gibt A307 das erste mal die Auswahl der ausstellenden Künstlerin ab.
Die im August 2016 gezeigten solenoir – Eva Schörkhuber und Andreas Pavlic – haben Nicole Szolga ausgewählt.
Fünf weitere von  gezeigten Künstler*innen vorgeschlagene Ausstellungen werden folgen!

bann die angst! – sole noir

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Globale Welt*

Peter sagt, er sei total verliebt in diese Welt
Peter sagt, er nimmt die Welt, weil sie ihm gut gefällt
Rüdiger sagt, die Politik hat die Entscheidung getroffen Deutschland zu fluten
Rüdiger sagt, wenn die Kanzlerin sagt, Deutschland wird sich verändern, möchte ich gefragt werden

Ja manchen gefällt die Welt, manchen bricht das Herz entzwei und wir sagen ja zur globalen Welt, und wir sagen ja zur globalen Welt

Rüdiger sagt, wenn wir ehrlich sind war Europa meist aus zwei Gründen gut
Rüdiger sagt, dem Euro und der Reisefreiheit
Rüdiger sagt, der Euro ist ein Kapitel für sich und die Reisefreiheit ist nicht mehr grenzenlos
Rüdiger sagt, es bleibt ja nichts mehr übrig, als die Binnengrenzen zu errichten, wenn die Außengrenzen nicht mehr halten

Ja manchen gefällt die Welt, manchen bricht das Herz entzwei und wir sagen ja zur globalen Welt, und wir sagen ja zur globalen Welt

Rüdiger sagt, all unsere Gesetze sind Schönwettergesetze und die sind jetzt ausgehebelt
Rüdiger sagt, die Asylanten fliehen ja nicht mehr, sondern kommen aus Flüchtlingslager
Rüdiger sagt, Flüchtlingslager wo sie zunächst in Sicherheit waren
Rüdiger sagt, wenn sie zu uns kommen sind sie genau genommen Einwanderer

Ja manchen gefällt die Welt, manchen bricht das Herz entzwei und wir sagen ja zur globalen Welt, und wir sagen ja zur globalen Welt

Rüdiger sagt, jetzt rächt sich, dass wir nie eine vernünftige Debatte zur Leitkultur hatten
Rüdiger sagt, also zum Beispiel, dass unsere Verfassung über der Scharia stehen muss.
Rüdiger sagt, dass Grundsätze und Werte wie Gleichberechtigung unantastbar sind.
Rüdiger sagt, selbst in einer Wohlfühlgesellschaft muss darüber gesprochen werden, in welche Kultur integriert werden muss.

Ja manchen gefällt die Welt, manchen bricht das Herz entzwei und wir sagen ja zur globalen Welt, und wir sagen ja zur globalen Welt

Rüdiger sagt, eine Gesellschaft muss doch entscheiden dürfen wer rein kommt und wer nicht
Rüdiger sagt, eine Gesellschaft muss doch entscheiden dürfen wer rein kommt und wer nicht
Petra sagt, sie sei total verliebt in diese Welt
Petra sagt, sie nimmt die Welt weil sie ihr gut gefällt

Wir sind okay und wir sagen ja zur globalen Welt
Wir sind okay und wir sagen ja zur globalen Welt
Wir sind okay und wir sagen ja zur globalen Welt
Wir sind okay und wir sagen ja zur globalen Welt

*Text und Melodie, F.S.K., Moderne Welt, Textteile von Rüdiger aus: Rüdiger Safranski ,
„Deutschland fluten? Da möchte ich gefragt werden“,
http://www.welt.de/politik/deutschland/article146941915/Deutschland-fluten-Da-moechte-ich-gefragt-werden.html, 14.12.2015
**Im Oktober publizierte Botho Strauss im Spiegel (41/2015) einen Text, der viel diskutiert wurde.
Alle Zitate von B sind diesem Text entnommen, der unter http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-139095826.html nachzulesen ist.

 

Singspiel A: Countertenor, B: Botho Strauss alias Der letzte Deutsche**
I.
A: Åber…
B: Manchmal habe ich das Gefühl…
A: … heidschi bumbeidschi,
B: … nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein.
A: schlåf långe,
B: Ja, es ist mir, als wäre ich …
A: es is jå dein Muatter ausgånga;
B: … der letzte Deutsche.
A: sie is jå ausgånga und kimmt neamer hoam
B: Ein in heiligen Resten wühlender …
A: und låßt dås kloan Biabele gånz alloan!
B: … Stadt-, Land und Geiststreicher.
A: Åber heidschi bumbeidschi bum bum,
åber heidschi bumbeidschi bum bum.
II.
B:  Ich bin ein Subjekt der Überlieferung. Der letzte Deutsche, dessen Empfinden und Gedanken verwurzelt ist…
A: Åber heidschi bumbeidschi, schlåf siaße,
B: … in der geistigen Heroengeschichte von Hamann bis Jünger,
A: die Engelen låssn di griaßn!
B: … von Jakob Böhme bis Nietzsche, von Klopstock bis Celan.
A: Sie låssn di griaßn und låssn di frågn,
B: Was aber Überlieferung ist, wird eine Lektion, …
A: ob du in’ Himml spaziern willst fåhrn.
B: … vielleicht die wichtigste, die uns die Gehorsamen des Islam erteilen.
A: Åber heidschi bumbeidschi bum bum,
åber heidschi bumbeidschi bum bum.
III.
A: Åber …
B: Man wird verdrängt…
A:  heidschi bumbeidschi, in’ Himmel,
B: … nicht mehr von avantgardistischen Nachfolgern,
A: då fåhrt di a schneeweißer Schimml,
B: … sondern von grundsätzlich amusischen Andersgearteten, Islamisten, Mediasten, Netzwerkern, Begeisterten des Selbst.
A: drauf sitzt a kloans Engei mit oaner Låtern,
B: Hüter und Pfleger der Nation in ihrer ideellen Gestalt zu sein:
A: drein leicht’ von’ Himml der ållerschenst Stern.
B: Glaube fest daran – und du wirst zur komischen Figur.
A: Åber heidschi bumbeidschi bum bum,
åber heidschi bumbeidschi bum bum.
IV.
B: Ich möchte eher in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.
A: Und der Heidschi bumbeidschi is kumma
B: Die Sorge ist, dass die Flutung des Landes mit Fremden…
A: und håt ma mein Biable mitgnumma;
B: … eine Mehrzahl solcher bringt, die ihr Fremdsein auf Dauer bewahren und beschützen.
A: er håt ma’s mitgnumma
B: Oft bringt erst eine intolerante Fremdherrschaft …
A: und håts neamer bråcht,
B: … ein Volk zur Selbstbesinnung. Dann erst wird Identität wirklich gebraucht.
A: drum winsch i mein’ Biaberl a recht guate Nåcht!
B: Dank der Einwanderung der Entwurzelten wird endlich Schluss sein
A: Åber heidschi bumbeidschi bum bum,
B: … mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur.
A: åber heidschi bumbeidschi bum bum.

 

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